Der Hintergrund zu Bayers „schlechtem“ Kossounou-Deal

Der Wechsel von Leverkusens Odilon Kossounou zu Atalanta Bergamo ist seit Mittwochabend perfekt. Doch nicht nur die Formulierungen in der Pressemitteilung von Bayer 04 werfen Fragen auf.

Leihe zu Atalanta wirft Fragen auf

Er war ein entscheidender Baustein auf dem Weg zum Double. Zumindest im ersten Halbjahr der Saison 2023/24 stellte Odilon Kossounou einen ganz großen Faktor für den Leverkusener Triumphzug dar. Mit überragenden Leistungen, die den kicker dazu veranlassten, den 23-Jährigen in der Rangliste des deutschen Fußballs als Innenverteidiger Nummer 1 in der Bundesliga zu küren.

Jetzt hat Bayer 04 den Afrika-Cup-Gewinner von 2024 für 5,5 Millionen Euro an Europa-League-Sieger Atalanta Bergamo ausgeliehen, der sich zudem eine Kaufoption in Höhe von 25 Millionen Euro sicherte. Ein Vertragskonstrukt, das überraschte. Aus verschiedenen Gründen.

Potenzial zum Topniveau

Da ist zum einen die Summe, die viele Beobachter verwunderte. Gilt Kossounou doch von seiner Veranlagung und seinem breiten Profil her als potenzieller Verteidiger auf absoluten Topniveau. Zum anderen trägt Bayer 04 das komplette Risiko bei der Leihe: Verletzt sich Kossounou in Bergamo schwer, kehrt der Ivorer im Sommer zurück mit nur noch einem Jahr Restlaufzeit seines bis 2026 datierten Vertrags.

Diesen zu verlängern hatte Kossounou in diesem Sommer abgelehnt, weil er wild entschlossen war zu wechseln. Das erste Halbjahr 2024, in dem er nach der Rückkehr vom Afrika-Cup seinen Stammplatz an Josip Stanisic und auch seine vorherige Topform verloren hatte, hatte bei dem Modellathleten ein hohes Maß an Unzufriedenheit hervorgerufen.

Diese hatte Kossounou, der im Sommer in der kicker-Rangliste nicht mehr auftauchte, auch wiederholt gegenüber den Bayer-Verantwortlichen und Trainer Xabi Alonso sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. In der Vorbereitung zeichnete sich ab, dass Kossounou weiterhin nicht zu Xabi Alonsos Startelf gehören würde.

Gute Lösung „für alle Beteiligten“?

Verfolgte man die Einsatzzeiten und die Reihenfolge der Einwechslungen, hatte der Rechtsfuß den Status als Innenverteidiger Nummer 4 oder gar eher Nummer 5 inne. Der Frust auf Spielerseite und die umgekehrt genervten Entscheidungsträger forcierten den Wunsch nach einem Wechsel auf beiden Seiten.

In der Pressemitteilung des Werksklub hieß es: „Odilons Wechsel ist für alle Beteiligten eine gute Lösung“, betont Bayer 04-Geschäftsführer Sport Simon Rolfes. „Wir wünschen ihm bei Atalanta eine erfolgreiche Saison.“

Eine sehr nüchterne Formulierung für einen Double-Helden, der ja, Stand jetzt, zum Saisonende zu Bayer 04 zurückkehren wird. Doch davon geht bei in Leverkusen niemand aus.

Schließlich ist der Deal zwischen den Klubs nur für Atalanta und den Spieler definitiv und bedingungslos ein guter. Kossounous Spielart passt zu Gian Piero Gasperinis Ansatz der alternativlosen Vorwärtsverteidigung wie die Faust aufs Auge. Schon am Wochenende soll der schnelle und zweikampfstarke Abwehrspieler in Atalantas Startelf stehen. Dass Kossounou in Italien zu alter Stärke zurückfindet, gilt als hoch wahrscheinlich.

Kossounous Marktwert könnte rasant steigen

Und dann hätte Atalanta einen absoluten Topspieler, der schnell einen deutlich höheren Marktwert besäße als die gut 30 Millionen Euro, die Bayer für ihn insgesamt bei einem fixen Wechsel nach Bergamo „nur“ kassiert. Angesichts der 23 Millionen Euro Ablöse, die der Bundesligist 2021 dem Club Brügge zahlte, eine eher magere Ausbeute für den dann dennoch teuersten Verkauf eines Abwehrspielers in der Leverkusener Vereinsgeschichte.

Warum also machte Bayer einen auf den ersten Blick für den Werksklub so ungünstigen Deal? Nur wegen Kossounous nervender Unzufriedenheit? Eine Erklärung ist naheliegend: Hätte der 23-Jährige in dieser Saison, was sich abzeichnete, bei Xabi Alonso nicht wieder den Status als absoluter Stammspieler erhalten, hätte er kaum das Niveau aus der Hinrunde 2023/24 erreichen und somit auch seinen Marktwert nicht entscheidend steigern können, wenn überhaupt.

Ihn dann im Sommer 2025 für eine höhere Summe verkaufen zu können als das nun mögliche Paket von gut 30 Millionen Euro, wäre alles andere als ein Selbstläufer geworden. Erst recht bei dann nur noch einem Jahr Vertragslaufzeit.

Prägende Auftritte gegen West Ham und Kaiserslautern

Offensichtlich traute man Kossounou so ein Comeback nicht zu. Zumal der Profi in der Rückrunde, als er nicht mehr gesetzt war, bei seinen Auftritten wiederholt nicht mehr die Souveränität ausstrahlte wie vor der Winterpause. Kossounou verlor seine absolute Klarheit.

Sein Horror-Auftritt im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League bei West Ham United (1:1), als Xabi Alonso den völlig indisponierten Abwehrspieler (kicker-Note 6) nach weniger als einer halben Stunde auswechselte, ließ auch seinen Wert auf dem englischen Markt rapide sinken. Auch die völlig unnötige Gelb-rote Karte im Pokalfinale gegen Kaiserslautern (1:0) zeichnete das Bild eines nicht mehr souveränen Kossounou.

So ist der Deal mit Atalanta, der Bayer auf den ersten Blick als den Verlierer des Pokers erscheinen lässt, leichter nachvollziehbar. Offensichtlich hatte der Werksklub kein absolutes Vertrauen mehr in das enorme Potenzial Kossounous, der als sensibler Spieler gilt und dieses Vertrauen umgekehrt vom Klub bzw. dem Trainer auch nicht mehr spürte.

Die Abschiedsworte in der Pressemitteilung, die sich in der mit ihnen zum Ausdruck gebrachten Wertschätzung in etwa auf dem Niveau mit denen für den kurz vor seinem Wechsel nach Dubai vom Training suspendierten Sardar Azmoun bewegten, deuten jedenfalls darauf hin, dass das Verhältnis zwischen Kossounou und Bayer 04 deutlich abgekühlt ist.

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